WhitepaperIndustrieAugust 20269 minProof of Concept · Simulation, reproduzierbar

Sieben Prozent weniger Energiekosten, volle Versorgungssicherheit: was vorausschauende Optimierung in der Papierfabrik leistet

Eine Papierfabrik mit eigener Kraft-Wärme-Kopplung wurde als Simulationsumgebung mit realistischen Unsicherheiten aufgebaut — schwankende Strompreise, wechselnde Bedarfe, ungeplante Produktionsunterbrechungen. Darauf lief ein Optimierungsregler, der alle 15 Minuten die Fahrweise sämtlicher Anlagen für die kommenden 24 Stunden neu plant. Drei Ergebnisse tragen das Papier: rund 7 Prozent geringere Energiekosten gegenüber der regelbasierten Praxis bei null Unterdeckungen; der Nachweis, dass die verbleibende Lücke zum theoretischen Optimum fast vollständig auf Prognosefehler zurückgeht, nicht auf die Optimierung; und der Befund, dass der Leistungspreis jede Strommarkt-Strategie diszipliniert — naive Preisreaktion verschlechtert das Ergebnis, statt es zu verbessern.

PapierindustrieKraft-Wärme-KopplungMILP / MPCLastflexibilitätLeistungspreis-Risiko quantifiziertEnergiekosten
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Ausgangslage: viele Stellhebel, einfache Regeln

Eine Papierfabrik mit eigener Kraft-Wärme-Kopplung muss zu jedem Zeitpunkt den Dampf- und Strombedarf der Produktion decken. Dafür stehen mehrere Erzeugungs- und Flexibilitätsoptionen zur Verfügung: eine Gasturbine mit Abhitzekessel, ein Gaskessel, ein Elektrodenkessel, ein Dampfspeicher, eine Dampfturbine, eine in Grenzen verschiebbare elektrische Last sowie der Netzanschluss für Strombezug und -einspeisung.

Das Energiesystem des Werks Erzeuger, Speicher und Bedarfe an zwei Schienen
Dampfbedarf der Produktion DAMPFSCHIENE Erdgas Gasturbine + Abhitzekessel Gaskessel E-Kessel Dampf- speicher Dampf- turbine STROMSCHIENE Strombedarf + flexible Last Öffentliches Netz · Arbeits- + Leistungspreis
Abb. 1 — Viele Wege zum selben Ziel. Dampf und Strom lassen sich auf mehreren Wegen bereitstellen; Gasturbine und Gaskessel verbrauchen Erdgas (inkl. CO₂-Kosten), der E-Kessel wandelt Strom in Dampf, der Speicher entkoppelt Erzeugung und Bedarf zeitlich. Welcher Mix wann der günstigste ist, hängt von Preisen und Bedarfen ab — und ändert sich im Tagesverlauf.

Die Fahrweise dieser Anlagen wird heute typischerweise nach einfachen Regeln bestimmt, etwa „die Gasturbine folgt dem Wärmebedarf“. Das ist betriebssicher, lässt aber wirtschaftliches Potenzial liegen: Strompreise schwanken stark im Tagesverlauf — inklusive negativer Preise und Preisspitzen —, Gas- und CO₂-Kosten verändern die Einsatzreihenfolge der Erzeuger, und der Netzanschluss verursacht neben dem Arbeitspreis einen Leistungspreis, der sich an der höchsten bezogenen Leistung bemisst.

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Fragestellung

Der Proof of Concept sollte zwei Fragen beantworten:

  • Lässt sich mit einer vorausschauenden, mathematisch optimierten Fahrweise ein messbarer Kostenvorteil gegenüber der regelbasierten Praxis erzielen — ohne die Versorgung der Produktion zu gefährden?
  • Wie stark hängt dieser Vorteil von der Qualität der Prognosen für Preise und Bedarfe ab?
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Vorgehen: rollierende Optimierung unter realistischen Unsicherheiten

Aufgebaut wurde eine Simulationsumgebung, die das Werk mit realistischen Unsicherheiten nachbildet: schwankende Strompreise mit Negativpreis- und Spitzenphasen, wechselnde Dampf- und Strombedarfe je nach gefahrener Papiersorte sowie ungeplante Produktionsunterbrechungen (Abrisse) mit anschließendem Wiederanfahren. Alle technischen Restriktionen der Anlagen — Mindest- und Maximalleistungen, An- und Abfahrzeiten, Laständerungsgeschwindigkeiten, Speichergrenzen — sind abgebildet.

Auf dieser Umgebung wurde ein Optimierungsregler betrieben, der alle 15 Minuten die Fahrweise für die kommenden 24 Stunden neu plant. Er entscheidet auf Basis der aktuellen Anlagenzustände und einer Prognose über den Einsatz aller Erzeuger, des Speichers, der flexiblen Last und des Netzbezugs — mit dem Ziel minimaler Gesamtkosten aus Brennstoff, CO₂, Strombezug und Leistungspreis, bei strikter Einhaltung aller technischen Grenzen und vollständiger Bedarfsdeckung.

Planungsprinzip alle 15 Minuten neu, 24 Stunden voraus
Zustände & Prognosen Anlagen, Preise, Bedarfe Fahrweise optimieren alle Anlagen, 24 h voraus Erste 15 min umsetzen dann von vorn Neuplanung alle 15 Minuten PLANUNGSHORIZONT fein: 15-Minuten-Schritte grob: Stundenschritte jetzt 8 h 24 h
Abb. 2 — Rollierende Planung. Umgesetzt wird immer nur der erste Schritt eines 24-Stunden-Plans; danach wird mit den tatsächlich eingetretenen Zuständen neu geplant. Prognosefehler können so laufend korrigiert werden. Die nahe Zukunft wird fein aufgelöst geplant, die fernere in Stundenschritten.

Zur Bewertung wurden vier Fahrweisen unter identischen Bedingungen verglichen: die heutige regelbasierte Praxis (wärmegeführt), eine einfache preisreaktive Regel, der Optimierungsregler mit realistischen — also fehlerbehafteten — Prognosen sowie als theoretische Untergrenze eine Optimierung mit perfekter Vorausschau. Letztere zeigt, welche Kosten bei vollständiger Kenntnis der Zukunft minimal möglich wären.

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Ergebnisse

−6,8 %
Energiekosten gegenüber der regelbasierten Fahrweise
0
Unterdeckungen von Dampf- oder Strombedarf, 0 Grenzverletzungen — in allen Läufen
≈ 0,1 s
Rechenzeit je Planungslauf — weit unter dem 15-Minuten-Takt

Der Optimierungsregler senkt die Energiekosten um rund 7 Prozent gegenüber der regelbasierten Fahrweise — bei unverändert vollständiger Versorgung der Produktion. In keinem der Simulationsläufe kam es zu einer Unterdeckung von Dampf- oder Strombedarf oder zu einer Verletzung technischer Grenzen. Das bestätigt die Kernhypothese des PoC (erwartet waren 3 bis 8 Prozent).

Energiekosten je Fahrweise identische Szenarien, Mittelwert über mehrere Zufallsläufe
theoretisches Minimum Preisreaktive Regel (B1) Regelbetrieb, wärmegeführt (B0) Vorausschauende Optimierung … mit perfekter Prognose Perfekte Vorausschau (Orakel) 203,8 T€ · +60 % ggü. B0 127,4 T€ 118,7 T€ · −6,8 % ggü. B0 104,0 T€ 104,0 T€ 0 100 T€ 200 T€ Kosten je Zwei-Tage-Zeitraum, Simulationsmaßstab
Abb. 3 — Vier Fahrweisen im Vergleich. Rottöne: regelbasierte Vergleichsfahrweisen (dunkler = teurer); Grün: der Optimierungsregler (dunkel: realistische, hell: perfekte Prognose); Gold: theoretische Referenz. Die vorausschauende Optimierung mit realistischen Prognosen unterbietet die heutige Praxis um 6,8 Prozent. Mit perfekter Prognose erreicht derselbe Regler das theoretische Minimum praktisch exakt. Die preisreaktive Regel ist die teuerste Fahrweise — dazu Abschnitt 05.

Die Einordnung gegenüber der theoretischen Untergrenze: Mit perfekter Vorausschau lägen die Kosten nochmals rund 12 Prozent niedriger. Die Lücke zwischen dem realistischen Regler und diesem Idealwert geht fast vollständig auf Prognosefehler zurück, nicht auf die Optimierung selbst — mit fehlerfreien Prognosen erreicht derselbe Regler das theoretische Optimum praktisch exakt. Das trennt sauber zwei Stellhebel: Die Optimierungsmethodik ist ausgereift; weiteres Potenzial liegt in besseren Prognosen.

Prognosequalität: ab einer Schwelle der entscheidende Faktor

Dieser Zusammenhang wurde systematisch vermessen, indem den Prognosen kontrollierte Fehler aufgeprägt wurden. Bei kleinen Prognosefehlern (rund 5 Prozent) bleibt der Kostennachteil gegenüber dem Ideal moderat. Ab etwa 15 Prozent Prognosefehler steigen die Mehrkosten jedoch überproportional an.

Mehrkosten in Abhängigkeit der Prognosequalität kontrolliert aufgeprägter Fehler auf Preise und Bedarfe
MEHRKOSTEN GGÜ. THEORETISCHEM MINIMUM 0 % +50 % +100 % ab ~15 % Fehler: Spitzenlast- Mehrkosten dominieren +0,1 % +4,6 % +64 % +109 % realistische Prognose im PoC: +13 % 0 % 10 % 20 % 30 % angenommener Prognosefehler (Preise und Bedarfe)
Abb. 4 — Das Knie in der Kurve. Bis etwa 5 Prozent Prognosefehler bleibt der Abstand zum Ideal klein; darüber wachsen die Mehrkosten überproportional, weil Fehler zunehmend neue Netzbezugsspitzen erzeugen (Abschnitt 05). Prognosequalität ist damit nicht nur ein gradueller, sondern ab einer Schwelle der entscheidende Wirtschaftlichkeitsfaktor.
PrüfpunktKriteriumErgebnis
Kostenvorteil ggü. heutiger Praxis3–8 % erwartet−6,8 % — im Zielkorridor
Versorgungssicherheitkeine Unterdeckung, keine Grenzverletzung0 / 0 — in allen Läufen
Güte der Optimierungmit perfekter Prognose nahe Minimum< 0,1 % Abstand zum Orakel
EchtzeitfähigkeitPlanung deutlich schneller als 15-min-Takt≈ 0,1 s je Planungslauf
PrognosesensitivitätZusammenhang quantifiziertKnie ~15 % Fehler (Abb. 4)
Kernaussage

Die Optimierungsmethodik ist ausgereift — die verbleibende Lücke zum theoretischen Minimum ist fast vollständig eine Prognoselücke. Wer weiter sparen will, investiert in Prognosen, nicht in einen besseren Optimierer.

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Zwei Befunde für die Praxis

Der Leistungspreis diszipliniert jede Strommarkt-Strategie

Die einfache preisreaktive Regel — „bei billigem Strom kaufen, bei teurem verkaufen“ — war im Test die mit Abstand teuerste Fahrweise: rund 60 Prozent teurer als die heutige Praxis (Abb. 3). Sie ignoriert, dass jeder neue Bezugsspitzenwert dauerhaft Leistungspreiskosten nach sich zieht. Naive Preisoptimierung ohne Berücksichtigung des Leistungspreises verschlechtert das Ergebnis, statt es zu verbessern.

Kritische Momente sind die Enden von Produktionsunterbrechungen

Springt der Bedarf nach einem Abriss zurück, während die Planung noch vom Stillstandsniveau ausgeht, entsteht ungeplanter Netzbezug, der die Bezugsspitze — und damit die Leistungspreiskosten — dauerhaft anhebt. Ein einzelner solcher 15-Minuten-Fehler kann im Modell Mehrkosten in der Größenordnung eines mittleren fünfstelligen Betrags verursachen.

Der Mechanismus am Ende einer Produktionsunterbrechung schematisch
tatsächlicher Bedarf geplante Erzeugung Produktionsunterbrechung Prognose hinkt Minuten nach: ungeplanter Netzbezug → neue Bezugsspitze, dauerhaft höhere Leistungspreiskosten Zeit → Bedarf
Abb. 5 — Warum Vorsicht an Stillstandsenden wirtschaftlich ist. Die schraffierte Lücke dauert nur Minuten, ihre Leistungspreis-Folgen wirken dauerhaft. Im PoC gelöst durch bewusst vorsichtige Planung in und nach Stillstandsphasen: Die geringen Kosten kurzzeitiger Übererzeugung stehen in keinem Verhältnis zum Risiko einer neuen Bezugsspitze.
Gestaltungsprinzip

Kurzzeitige Übererzeugung kostet wenig, eine neue Bezugsspitze kostet dauerhaft. Diese Asymmetrie sollte auch in einem Produktivsystem ein Gestaltungsprinzip sein — vorsichtig planen, wo Prognosen am unsichersten sind.

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Belastbarkeit und Grenzen der Aussagen

Die Ergebnisse stammen aus einer Simulation mit plausiblen, aber nicht an ein konkretes Werk kalibrierten Annahmen zu Anlagengrößen, Preisniveaus und Bedarfsprofilen. Die Prozentwerte sind daher als Größenordnung zu verstehen, nicht als Zusage für ein spezifisches Werk. Das thermische System ist vereinfacht auf eine Dampfschiene abgebildet; die Bewertung erfolgte auf Zwei-Tages-Zeiträumen mit mehreren Zufallsszenarien. Die Korrektheit des Optimierungsmodells gegenüber der Simulation ist durch automatisierte Tests abgesichert.

Was der PoC belegt: Der methodische Ansatz funktioniert, die Kostenvorteile sind unter realistischen Unsicherheiten reproduzierbar, die Versorgungssicherheit wird nicht kompromittiert, und die wesentlichen Risikomechanismen — Leistungspreis und Prognosefehler — sind verstanden und beherrschbar.

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Empfohlene nächste Schritte

Schritt 1

Kalibrierung auf reale Werksdaten

Anlagenparameter, historische Bedarfe und Preise des konkreten Standorts einpflegen, um die Einsparung standortscharf zu beziffern.

Schritt 2

Bessere Bedarfs- und Preisprognosen

Der größte verbleibende Hebel (Abb. 4). Datengetriebene Prognosemodelle auf Basis der Betriebs- und Marktdaten des Werks.

Schritt 3

Absicherung gegen Prognoseunsicherheit

Ausbau der Planung um explizite Unsicherheitsrechnung, insbesondere zum Schutz der Bezugsspitze an Stillstandsenden.

Schritt 4

Längere Zeiträume, Vorbereitung Pilot

Bewertung über Wochen statt Tage mit breiterer statistischer Basis; anschließend Pilotierung im Vorschlagsmodus mit Freigabe durch die Betriebsmannschaft.

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Zusammenfassung

Eine vorausschauend optimierte Fahrweise der Energieanlagen senkt die Energiekosten der simulierten Papierfabrik um rund 7 Prozent gegenüber der regelbasierten Praxis — ohne eine einzige Unterdeckung oder Grenzverletzung und mit Rechenzeiten weit unterhalb des Betriebstakts. Die verbleibende Lücke zum theoretischen Minimum ist fast vollständig eine Prognoselücke; ab etwa 15 Prozent Prognosefehler steigen die Mehrkosten überproportional, weil neue Netzbezugsspitzen entstehen. Daraus folgen die beiden Leitplanken für den Weg zum Produktivsystem: in Prognosequalität investieren, und dort bewusst vorsichtig planen, wo Prognosen am unsichersten sind — insbesondere an den Enden von Produktionsunterbrechungen.

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